Autor:innen:
Carolin Odebrecht

Kontributor:innen:
Lena-Sophie Meiling


Veröffentlicht:
18.05.2026
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Digitale Semiotik zwischen Berechnung und Bedeutung: Reflexionen zur Klemm’s Gallery-Veranstaltung

12.02.2026, Klemm’s Gallery, Leipziger Str. 57/58, 10117 Berlin

Am 12. Februar 2026 eröffnete die Klemm’s Gallery im Rahmen der Ausstellung Digital Semiotics einen Diskurs, der die Schnittstelle von künstlerischer Praxis, Medientheorie und Digitalität beleuchtete. Die von Guilherme Vilhena Martins (Gallery Manager) moderierte Veranstaltung brachte mit Viktoria Binschtok (Künsterlin), Carolin Odebrecht (HU Berlin) und Gwen Schlüter (Kulturwissenschaftlerin) drei Positionen/Welten/Perspektiven zusammen, die digitale Zeichenprozesse aus unterschiedlichen epistemologischen Winkeln betrachteten.

Die Ausstellung selbst

Carolin Odebrechts Beitrag Semiotics, Digitality and Computation © IZ D2MCM 2025

Digital Semiotics, die jüngste Ausstellung von Viktoria Binschtok bei Klemm’s, präsentiert eine Reihe neuer Arbeiten aus ihrer gleichnamigen Serie. Aufbauend auf ihrer kontinuierlichen Auseinandersetzung mit digitaler Kultur verbindet die Serie unterschiedliche fotografische Techniken und Bildquellen – von digitalen Collagen bis zu rätselhaften Stillleben. Indem sie die codierten Zeichen einer zunehmend visuellen Kommunikation im digitalen Zeitalter in den Vordergrund rückt, eröffnet Digital Semiotics eine Form der Fotografie, die unsichtbare Verbindungen in einer vernetzten Welt erfahrbar macht – und damit die Verflechtung von Online- und Offline-Realitäten reflektiert.
Carolin Odebrechts (HU Berlin) Beitrag „Semiotics, Digitality and Computation“ markierte den theoretischen Kern des Abends. Ihre These, Digitalität sei weniger technologisches Faktum denn epistemische Praxis, verschiebt den Fokus von Hardware hinzu Modellierungslogiken. Was als Abstraktion, Reduktion und Diskretisierung erscheint, konstituiert gleichzeitig die Bedingung der Möglichkeit für digitale Kommunikation. Algorithmen, so Odebrecht, operieren nicht neutral, sondern als Mediatoren zwischen Gedanken und Welt, deren Modellierungsannahmen Sichtbarkeit selbst konstituieren.
Besondere Relevanz erlangt dieser Ansatz für die Linguistik durch den Bezug auf Embeddings: Die semantische Bedeutung digitaler Einheiten – Pixel, Lexeme, Emojis – emergiert aus positionalen und sequentiellen Relationen, nicht aus intrinsischer Bedeutung. Kontextualität, die Odebrecht am Beispiel der Mehrdeutigkeit von Viktorias Werk Peaches illustrierte, untergräbt klassische Zeichentheorien zugunsten einer dynamischen, rekontextualisierungsabhängigen Semantik.
Gwen Schlüter ergänzte diese Perspektive durch eine kulturwissenschaftliche Fokussierung auf Memes als kulturelle Assemblies. Ihre Charakterisierung – Remix, Reappropriation, Plattformabhängigkeit – betont die materiell-mediale Verfasstheit digitaler Zeichen, die gegen essentialistische Lesarten positioniert wird. Die politische Dimension dieser Formate, insbesondere ihre Eignung als Widerstandsstrategie gegen Zensur, verweist auf die Agency distributierter kollektiver Praktiken jenseits individueller Autorschaft.

Intensive Diskussion zwischen Kunst, Gesellschaft und Digitalität

Die abschließende Diskussion verdichtete sich um einen konsensualen Punkt: Digitale Ambiguität ist kein Defizit, sondern konstitutives Merkmal ihrer Funktionsweise. Sie ermöglicht Gemeinschaftsbildung wie Ausschluss, kreative Subversion wie algorithmische Regulierung. Diese Dialektik von Offenheit und Strukturierung, von sozialer Konstruktion und technischer Determination, markiert das Feld digitaler Semiotik als genuin interdisziplinäres Forschungsdesiderat – zwischen Digitalität, Kunstwissenschaft und Science and Technology Studies.

Cite as: Carolin Odebrecht: Digitale Semiotik zwischen Berechnung und Bedeutung: Reflexionen zur Klemm's Gallery-Veranstaltung. In: IZ D2MCM Blog [Weblog], 18.05.2026. URL: https://izd2m.hu-berlin.de/blog-posts/2026/05/18/bp-Klemms-Gallery.html.